Gewähltes Schlagwort: RWE Innogy / Erneuerbare Energien
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Brief des Vorstandsvorsitzenden


Liebe Investoren und Freunde des Unternehmens, (Handschrift)
Dr. Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender der RWE AG (Foto)
Dr. Jürgen Großmann
Vorstandsvorsitzender der RWE AG

als ich an dieser Stelle vor einem Jahr an Sie schrieb, war die Welt eine andere. Niemand ahnte, dass die schwerste Finanzkrise der Nachkriegszeit auf uns zukommen würde. Ausmaß und Folgen sind noch nicht vollständig abzusehen. Aber eines ist klar: Die Weltwirtschaft befindet sich auf einer Talfahrt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Anzeichen für eine Besserung der Lage sind nicht in Sicht. Im Gegenteil. Die Verunsicherung sitzt tief. Unsere Kunden aus den Branchen Automobil, Chemie und Stahl melden Rekordeinbrüche bei der Nachfrage. Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit des Bankensektors ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Viele stellen gar die Systemfrage und rütteln an marktwirtschaftlichen Grundprinzipien. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft gehören mittlerweile zum Alltag. Hätten wir uns das alles vor einem Jahr vorstellen können? Sicherlich nicht.

Was bedeuten Finanzkrise und Rezession für unsere RWE? Auch bei uns als Energieversorger nehmen die schlechten Nachrichten zu. Der industrielle Stromverbrauch geht zurück, Kunden geraten in Zahlungsschwierigkeiten. Finanzierungskosten steigen, und bei Politikern wächst die Neigung, funktionierende Marktprozesse stärker zu regulieren.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass wir mit unseren Hauptprodukten Strom und Gas ein solides, kaum zyklisches Geschäft betreiben: Die Nachfrage unserer 20 Millionen Privatkunden wird von der konjunkturellen Lage kaum beeinflusst. Und alle diese Kunden sind in EU-Ländern zu Hause, deren Rahmenbedingungen wir seit vielen Jahren kennen. Ausgesprochen solide ist auch unsere finanzielle Situation. Die Ergebnisziele für 2008 haben wir erreicht. Mit frühzeitigen Termingeschäften haben wir einen Großteil der Marge aus unserer Stromproduktion für 2009 und 2010 bereits abgesichert. Unsere Geschäftsaussichten sind trotz der Krise gut. Im Zeitraum bis 2012 wollen wir das nachhaltige Nettoergebnis, die Basis für die Bemessung Ihrer Dividende, deutlich steigern. Unsere Ausschüttungsquote liegt mit einmalig 71 % für das abgelaufene Geschäftsjahr und mit künftig 50 bis 60 % über dem Marktdurchschnitt. Mit 4,50 € je Aktie werden wir der Hauptversammlung für das Geschäftsjahr 2008 die höchste Dividende seit Bestehen des Unternehmens vorschlagen. Außerdem haben wir in den letzten Jahren die Verschuldung massiv abgebaut. Während andere auf Einkaufstour gingen, haben wir uns auf organisches Wachstum konzentriert und überteuerte Akquisitionen gemieden. Die RWE-Bilanz ist also kerngesund. Weltweit schätzen Investoren unsere Cash-starken Geschäfte und zeichnen unsere Anleihen, wie Sie an der jüngsten Emission wieder sehen konnten. Damit haben wir gute Voraussetzungen, um anstehende Investitionen solide zu finanzieren.

Das können derzeit nicht viele Unternehmen von sich sagen. Deshalb sehen wir uns auch in der Verantwortung. Bis 2012 wollen wir rund 26 Mrd. € in den Ausbau und die Modernisierung der Energie-Infrastruktur investieren: in umweltschonende Kraftwerke, überregionale und grenzüberschreitende Stromnetze, Gaspipelines und –speicher sowie in die Gas- und Ölförderung. Das ist nicht nur das größte Investitionsprogramm in unserer 111-jährigen Unternehmensgeschichte. Es macht uns auch zu einem der größten privaten Investoren in Europa. Damit sichern und schaffen wir Arbeitsplätze bei RWE, aber auch bei Ausrüstern und deren Zulieferern. Das ist ein Konjunkturpaket, das nicht nur Staatshaushalte schont, sondern auch die Versorgungssicherheit verbessert. Aber wir brauchen auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen, um dieses Programm umsetzen zu können.

Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine hat uns – wieder einmal – gezeigt, dass ein warmes Wohnzimmer nicht selbstverständlich ist. Und dass Gas als Brennstoff für Kraftwerke zwar gut für die CO2-Bilanz ist, aber schnell knapp werden kann. Deshalb setzen wir mit unseren großen Kraftwerksneubau-Projekten jeweils zur Hälfte auf Gas und auf Kohle. Kein anderer Versorger baut derzeit mehr Kraftwerksleistung in Europa als RWE. Gleichzeitig treiben wir die Vorbereitungen für den Bau der Nabucco-Gaspipeline mit aller Kraft voran und erweitern die Kapazität unserer Gasspeicher. RWE Dea erkundet und erschließt neue Gas- und Ölvorkommen in Europa und Nordafrika. Nicht zuletzt kämpfen wir in Berlin dafür, dass Kernenergie auch in Deutschland eine Zukunft hat. Denn Energie muss nicht nur bezahlbar bleiben – sie muss erst einmal da sein. Erst recht in wirtschaftlichen Krisenzeiten, wenn alles getan werden muss, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer energieintensiven Kunden zu stärken.

Vor einem Jahr habe ich Ihnen an dieser Stelle unsere Strategie-Agenda 2012 erläutert. Ihr Leitsatz lautet „Mehr Wachstum, weniger CO2“. Wir haben seitdem zahlreiche Optionen geprüft, mit denen wir profitabel wachsen und gleichzeitig unsere Emissionen senken können. Das Investitionsprogramm, das ich angesprochen habe, wird uns auf diesem Weg weit voranbringen. Unser besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf den schnellen Auf- und Ausbau unseres neuen Unternehmensbereichs für Unternehmensbereichs für erneuerbare Energien, RWE Innogy. Dass wir uns bislang auf organisches Wachstum konzentriert haben, macht sich heute bezahlt. Das ist zwar mühsam und braucht Zeit. Aber Sie können von uns erwarten, dass RWE Innogy ab 2010 Ergebnisse mit zweistelligen Steigerungsraten liefern wird.

Auch das Übernahmeangebot für Essent bringt uns bei der Umsetzung der Strategie-Agenda 2012 einen großen Schritt voran. Essent ist ein führender Energieversorger im Benelux-Raum. Wegen des hohen Anteils der Gaskraftwerke am Erzeugungsportfolio hat das Unternehmen eine viel niedrigere CO2-Intensität als wir. Das Transaktionsvolumen von 9,3 Mrd. € ist hoch, aber wegen der Attraktivität von Essent für unser Geschäft angemessen. Ein Blick auf die Europakarte belegt: Keine Region ist näher am RWE-Versorgungsgebiet als die Benelux-Märkte. Von Essen fährt man nur eine Stunde bis nach Arnheim, der Zentrale von Essent. Zusammen mit unseren deutschen Aktivitäten sind wir damit in Nordwesteuropa führend. Es ist absehbar, dass die Märkte dort noch enger zusammenwachsen. Außerdem ist Essent mit Stromerzeugung, Energiehandel sowie Strom- und Gasvertrieb ähnlich aufgestellt wie wir. Die Integrationsrisiken sind deshalb vergleichsweise gering. Wenn alles nach Plan läuft, können wir die Übernahme im dritten Quartal 2009 abschließen. Dann werden wir uns ganz auf die Integration konzentrieren. Weitere Akquisitionen – wenn auch in erheblich geringerer Größenordnung – schließen wir nicht aus. Insbesondere in Südosteuropa prüfen wir, wie wir mit Beteiligungen an etablierten lokalen Energieunternehmen Startpositionen aufbauen können. In dieser Region erwarten wir weit überdurchschnittliche Wachstumsraten.

Immer besser zu werden ist ein weiterer Baustein unserer Strategie-Agenda 2012. Vor einem halben Jahr haben wir unser Ziel zur Effizienzsteigerung auf 1,2 Mrd. € bis 2012 verdoppelt. Inklusive 2007 haben wir bereits 200 Mio. € eingespart und liegen damit im Plan. Im Wesentlichen senken wir Kosten und steigern Erlöse, indem wir die Effizienz beim Betrieb von Netzen und Kraftwerken verbessern. Gleichzeitig durchforsten wir alle Geschäftsprozesse, insbesondere in administrativen Funktionen, und vereinfachen die Organisation des Konzerns. Dabei geht es aber nicht nur um Effizienz. Wir wollen uns gleichzeitig auf neue Markttrends einstellen, und zwar schneller als unsere Wettbewerber. In diesem Jahr werden wir unsere regionalen Vertriebsaktivitäten im Sinne eines deutschlandweiten Auftritts neu ausrichten. Regulatorische Veränderungen erfordern außerdem eine Neuorganisation unserer Strom- und Gasnetze.

Dass wir auch in der konjunkturellen Schwäche Stärke beweisen und Milliardenbeträge in Versorgungssicherheit und krisenfeste Arbeitsplätze investieren, wird leider häufig durch politische Entscheidungen konterkariert. Die energiepolitische Debatte der vergangenen Jahre, sogar Jahrzehnte, ist festgefahren. Das bereitet mir große Sorgen. Die Vollauktionierung der CO2-Zertifikate ab 2013 macht den Neubau weiterer kohlebefeuerter Kraftwerke unter den gegenwärtig absehbaren Bedingungen in Westeuropa nahezu unmöglich. Ohne Zweifel – Gasverstromung und erneuerbare Energien sind sinnvoll, sie schaffen aber neue Abhängigkeiten. Die deutsche Kernenergie ist weiterhin in der politischen Sackgasse, während anderswo langfristige Weichen gestellt werden. Ungleiche regulatorische Bedingungen innerhalb der EU blockieren Investitionen und Wettbewerb. Wir werden nicht aufhören, mit konstruktiven Vorschlägen und Initiativen auf allen politischen Ebenen für unbedingt notwendige Veränderungen zu werben. „Machen“, das Motto dieses Geschäftsberichts, ist auch hier der Anspruch. Wir zeigen Lösungen auf – beispielsweise mit Innovationen für die CO2-Vermeidung bei der Stromerzeugung und im Straßenverkehr, mit massiven Investitionen in umweltschonende Kraftwerkstechnologie und Energieeffizienz sowie mit einem hohen Maß an freiwilliger Markttransparenz.

Mein Fazit für das neue Geschäftsjahr: Die Rezession wird auch an RWE nicht spurlos vorbeiziehen. Der politische Gegenwind bläst weiterhin kräftig. Aber unser Geschäftsmodell ist wetterfest. Wir verfolgen Strategien, die den Erfolg des Unternehmens langfristig sichern. Außerdem haben wir zahlreiche Maßnahmen identifiziert, die uns schon kurzfristig reaktionsschneller, kosteneffizienter und damit wettbewerbsfähiger werden lassen. Und wir haben ein hoch motiviertes Team aus 66.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in zwölf Ländern Europas, die entschlossen anpacken. Dafür möchten meine Vorstandskollegen und ich ihnen an dieser Stelle ausdrücklich danken. Auch Ihnen, unseren Aktionären, danken wir für Ihre Unterstützung, auf die wir weiterhin bauen. Denn in Krisenzeiten ist Vertrauen die wichtigste Währung.

Mit freundlichem Gruß

Dr. Jürgen Großmann
Vorstandsvorsitzender der RWE AG

Essen, 13. Februar 2009