
die ersten hundert Tage in meiner neuen Aufgabe als Vorstandsvorsitzender Ihres Unternehmens liegen hinter mir. Diese Zeit ist für mich sehr schnell vergangen. Das lag nicht allein daran, dass ich die Energiebranche bisher vor allem aus der Sicht des Kunden kannte. Es lag auch an der Dynamik, mit der sich in dieser Branche die Welt verändert. Energie ist und bleibt eines der globalen Megathemen. Ich kann mich nicht erinnern, dass Fragen der Energieversorgung seit der Ölkrise 1973 jemals einen so hohen Stellenwert in der Öffentlichkeit hatten wie heute. Die Antworten auf diese Fragen müssen jetzt gefunden werden. Als eines der größten Strom- und Gasunternehmen Europas werden wir die Zukunft der Energieversorgung in vorderster Reihe mitgestalten. Ich bin stolz darauf, gerade in dieser herausfordernden Zeit bei RWE zu sein.
In den ersten Monaten habe ich viele Gespräche mit Kunden und Vertretern der Politik geführt, aber vor allem zahlreiche Standorte besucht. Ich war beeindruckt vom Know-how und vom Engagement der RWE-Teams. Wir halten nicht nur führende Positionen in mehreren der wichtigsten europäischen Energiemärkte – wir sind auch ganz vorne dabei, wenn es um Zuverlässigkeit und Sicherheit bei Anlagen und Produkten geht. Aber ich sehe zugleich erhebliches Verbesserungspotenzial. Wir müssen noch mehr tun, um unsere Kunden in den Mittelpunkt unseres Handelns zu rücken. Wir müssen unsere Geschäftsprozesse noch kreativer auf Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung durchleuchten. Außerdem werden wir Wachstumschancen noch entschlossener nutzen. Und: RWE muss künftig bei Innovationen, Umwelttechnologie und dem Einsatz von erneuerbaren Energieträgern führend sein. RWE braucht dafür keine Revolution und keinen Aktionismus, sondern eine konsequente und moderne Weiterentwicklung entlang der bisherigen Kernkompetenzen rund um Strom und Gas – allerdings mit gesteigertem unternehmerischem Elan!
Sorge hat mir bei Gesprächen mit Politikern und Kunden das Misstrauen bereitet, das in Deutschland zurzeit unserer gesamten Branche entgegenschlägt. Seit der Liberalisierung des Energiemarktes 1998 hat es erhebliche Fortschritte in Richtung eines offenen und fairen Wettbewerbs gegeben. Ich denke an den liquidesten Stromgroßhandelsmarkt Europas in Leipzig, die erfolgreiche Arbeit der Bundesnetzagentur und die rapide steigenden Wechselraten bei Haushaltskunden. Dennoch herrscht in der Öffentlichkeit die Meinung vor, der Wettbewerb komme nicht richtig in Gang und die Preismechanismen funktionierten nicht. Dieser Eindruck ist – angesichts der hohen erforderlichen Investitionen in neue Kraftwerke und Netze – vor allem dann fatal, wenn er zu kurzsichtigen politischen Schlussfolgerungen und damit zur Absage von wichtigen Investitionsprojekten führt. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, das gestörte Verhältnis zwischen Energiewirtschaft, Politik und Verbrauchern in ein konstruktives Miteinander zurückzuführen. Die Reaktionen auf unseren Vorschlag eines „Energiepaktes für Deutschland“ waren ermutigend. Wir haben neue Konzepte für mehr Markttransparenz, flexiblere Preismodelle und höhere Energieeffizienz angekündigt. Nun setzen wir diese Ideen in die Tat um.
So weit meine persönliche Bestandsaufnahme. Was haben wir uns für die Zukunft Ihrer RWE vorgenommen? Dazu möchte ich Ihnen unsere Strategie-Agenda 2012 vorstellen. Sie steht unter dem Leitgedanken „Mehr Wachstum – weniger CO2“. Zunächst zum Thema Wachstum. RWE hat das Potenzial, auch in Zukunft zu den fünf größten Strom- und Gasversorgern in Europa zu zählen. Sie werden angesichts des starken Konsolidierungstrends in unserem Sektor zu Recht fragen, wie wir dieses anspruchsvolle Ziel erreichen können. Die wichtigste Antwort auf diese Frage ist, dass wir das größte Investitionsprogramm in der Geschichte von RWE gestartet haben. Mit durchschnittlich rund 6,5 Mrd. € Sachinvestitionen pro Jahr im Zeitraum 2008 bis 2012 werden wir das bisherige Budget um fast ein Drittel aufstocken. Jeder zweite Euro davon entfällt auf Projekte für organisches Wachstum. Akquisitionen prüfen wir ebenfalls. Allerdings gehen wir dabei sehr selektiv vor, denn die bei Unternehmenskäufen gezahlten Preise sind weiterhin auf Rekordniveau.
Unser Ziel ist, die Marktpositionen in den beiden größten RWE-Märkten, Deutschland und Großbritannien, zu festigen und auszubauen. Im Mittelpunkt stehen dabei neue Kraftwerke, mit denen wir alte Anlagen ersetzen oder Marktanteile hinzugewinnen wollen. Dabei setzen wir auf Großanlagen genauso wie auf dezentrale Stromerzeugung mit Kraft-Wärme-Kopplung . Für Strom- und Gasnetze sowie Kundenservice haben wir ebenfalls erhebliche Mittel bereitgestellt. Auch neue Märkte stehen auf unserer Prioritätenliste. Damit meinen wir zum einen den schrittweisen Einstieg in die Wachstumsmärkte Südosteuropas, einschließlich der Türkei und Griechenlands. Parallel prüfen wir den Markteintritt in Russland. Zum anderen meinen wir mit neuen Märkten den Einstieg in das globale Geschäft mit verflüssigtem Erdgas und das internationale Gaspipeline-Geschäft. Gleichzeitig wollen wir unsere eigene Gasförderung erheblich ausbauen und damit unsere Abhängigkeit von Gaszukäufen verringern. Einen weiteren Schwerpunkt sehen wir in erneuerbaren Energien. Mit der vor kurzem gegründeten RWE Innogy wollen wir eines der führenden Unternehmen auf diesem Gebiet werden. Dafür wollen wir jedes Jahr durchschnittlich mindestens 1 Mrd. € investieren. Eher langfristig ausgerichtet ist unser Ziel, RWE in der Kernenergie außerhalb Deutschlands erfolgreich zu positionieren. Derzeit sind wir in Gesprächen über Beteiligungen an Projekten in Großbritannien und Zentralosteuropa.
Das Thema Klimaschutz ist aus der öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Energieversorgung nicht mehr wegzudenken. Der europäische Emissionshandel wird zu erheblich steigenden Kosten in der Stromerzeugung führen. Wir stellen uns dieser Herausforderung, indem wir unsere CO2-Emissionen deutlich senken. Mit allen unseren großen Investitionsprojekten in der Stromproduktion verfolgen wir dieses Ziel. Deshalb haben wir den vorliegenden Geschäftsbericht auch dem Thema Klimaschutz gewidmet. Kein Energieversorger in Europa hat mehr Potenzial, CO2-Emissionen zu vermeiden, als RWE. Wie wir dabei vorgehen, erläutern wir Ihnen ausführlich im vorliegenden Geschäftsbericht. In diesem Zusammenhang werben wir dafür, Klimaschutz auch für den Kunden bezahlbar zu gestalten. Investitionen in klimaschonende Kraftwerkstechnologie – seien es modernste Kohle- und Gasblöcke oder Wind- und Wasserkraft – sind neben höherer Energieeffizienz beim Kunden die wirtschaftlich sinnvollste Strategie. Wir thematisieren den von der Bundesregierung geplanten Ausstieg aus der Kernenergie immer wieder. Er würde einen Großteil der Maßnahmen, die zur Emissionsvermeidung bereits auf den Weg gebracht wurden, zunichtemachen und die Strompreise nach oben treiben.
Effizienzsteigerung ist ein weiterer Baustein unserer Strategie-Agenda 2012. Das bisherige Kostensenkungsziel in Höhe von 600 Mio. € bis 2010 werden wir noch in diesem Jahr anheben. Derzeit prüfen wir durch eine konzernweite Funktionsanalyse, welche Potenziale es gibt. Damit wollen wir nicht nur auf die Tarifkürzungen im regulierten deutschen Netzgeschäft reagieren, sondern in allen Bereichen Kosten einsparen und dabei produktiver, wettbewerbsfähiger, unternehmerischer und schneller werden. Mehr Effizienz versprechen wir uns auch von der Neuordnung der Aufgaben im Vorstand sowie der Zusammenlegung von RWE Gas Midstream und RWE Trading zur neuen RWE Supply & Trading. Doppelarbeiten vermeiden, Entscheidungen schneller umsetzen und Marktkompetenzen bündeln: Das sind unsere Ziele dabei.
Wir arbeiten hart daran, dass sich die Fortschritte aus der Strategie-Agenda 2012 in langfristiger Wertsteigerung widerspiegeln. Damit Sie uns an unserem Erfolg messen können, haben wir neue Finanzziele definiert. Für den Zeitraum bis 2012 liegt unsere Messlatte bei einem durchschnittlichen Wachstum pro Jahr von 5 % beim betrieblichen Ergebnis und von 5 bis 10 % beim nachhaltigen Nettoergebnis. Ihr Unternehmen soll also in Zukunft stabil wachsen. Das ist nicht nur die beste Grundlage für Investitionen und sichere Arbeitsplätze, sondern auch für attraktive Ausschüttungen.
Ich bin zuversichtlich, dass Ihr Unternehmen mit diesen Maßnahmen auf erfolgreichem Kurs ist. Wir – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie meine Vorstandskollegen und ich – werden die Herausforderungen des neuen Geschäftsjahres mit aller Kraft angehen, um Ihrem Vertrauen in die RWE-Aktie weiterhin gerecht zu werden. Wir würden uns freuen, auch in Zukunft auf Ihre Unterstützung setzen zu können.
Mit freundlichem Gruß
Dr. Jürgen Großmann
Vorstandsvorsitzender der RWE AG
Essen, 13. Februar 2008